ÖEV - Österreichische Endometriose Vereinigung

 

Psyche und Endometriose

Information zur Verfügung gestellt von Sandra Hnat Gerersdorfer ( Homepage )

•  Psyche und Endometriose

 

Aus einer Studie der Frauenklinik im Klinikum Duisburg ging hervor, dass sich die Endometriose auf die Psyche der Betroffenen auswirkt. So litten signifikant mehr Endometriosepatientinnen an Depressionen bzw. wiesen signifikant häufiger Stressfaktoren, wie beruflichen Stress, auf, als die Frauen in der Kontrollgruppe.

•  Einschränkung durch Schmerzen im Alltag

Aufgrund der starken Schmerzen sind die betroffenen Frauen in vielfältiger Weise in ihrer beruflichen, sozialen und privaten Entfaltung eingeschränkt. In der heutigen Arbeitswelt wird permanente Leistung erwartet. Berufstätige Frauen müssen daher häufig ihre Endometrioseerkrankung verbergen und ihre Schmerzen durch Schmerzmittel oder Selbstdisziplin unterdrücken. Da die Frauen ihren Aufgaben trotz allem Bemühen nicht immer in einem für sie befriedigenden Maß nachkommen können, geraten sie in einen Teufelskreis aus Erschöpfung, Angst und Unsicherheit.

5.1.2 Schmerzen beim Geschlechtsverkehr

Ein weiterer wesentlicher Aspekt für die psychosoziale Gesundheit der Patientin ist der Schmerz beim Geschlechtsverkehr. Häufig wird der Geschlechtsverkehr aufgrund der erheblichen Schmerzen insbesondere bei der tiefen Endometriose nur noch selten oder gar nicht mehr ausgeübt. Daraus resultieren partnerschaftliche Konflikte, die aus den sexuellen Problemen und dem häufig vergeblichen Kinderwunsch entstehen und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich einschränken.

5.1.3 Kinderlosigkeit

Viele Frauen stellen im Zusammenhang mit ihrer Erkrankungen und der oft damit verbundenen Kinderlosigkeit ihre Weiblichkeit in Frage. Darüber hinaus kann die nach Operation möglicherweise endgültige Kinderlosigkeit (durch Entfernung der Gebärmutter und/oder der Eierstöcke) schwere Lebenskrisen verursachen. Hier stellen sich viele Frauen die Frage, was sie denn nun noch wert wären. Es ist dann wichtig, sinnvolle Lebensalternativen zu suchen um aus der realen oder empfundenen gesellschaftlichen Isolation herauszufinden.

•  Die Psyche als Auslöser der Endometriose

In einer Interviewstudie zur Psychosomatik der Endometriose konnten einige charakteristische Merkmale von Endometriosepatientinnen herausgearbeitet werden. So waren Endometriosepatientinnen gegenüber der Vergleichsgruppe besonders durch körperliche Sensibilität und eine Akzentuierung ihres Körpers, vermehrte Gesundheitssorgen und allgemeine Angst gekennzeichnet. Es zeigte sich außerdem eine ausgeprägte Beeinträchtigung der Sexualität durch die Menstruation.

Bei der Auswertung spezifischer halbstrukturierter Interviews in der gleichen Studiengruppe fiel ein überwiegend negatives Erleben von Menarche und Pubertät auf. Viele Patientinnen berichteten über bereits früh aufgetretene gynäkologische Probleme. Die sexuellen Erfahrungen in der Jugend wurden häufig als negativ geschildert. Das Verhältnis zum Vater wurde von vielen Patientinnen als äußerst ambivalent beschrieben. Nach geglückter Lösung vom Vater, oft nach mehreren schmerzlichen Erfahrungen mit Partnerbeziehungen, schienen sich viele Patientinnen in ihrer Frauenrolle wohlzufühlen. Dabei entstand manchmal der Eindruck, als wollten sie fast überkompensiert weiblich erscheinen. Diese Überkompensation zeigte sich beispielsweise an einem oftmals äußerst intensiven Kinderwunsch.

Die Forscher formulierten als Schlussfolgerung ihrer Beobachtungen ein psychosomatisches Modell der Störung, das für die Entstehung und Entwicklung der Endometriose unter anderem hormonelle und immunologische Zusammenhänge in Verbindung mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen verantwortlich macht. In dieses Modell geht auch die subjektive Bewertung der Kardinalsymptome der Endometriose, Schmerz und Sterilität ein. Es wird gefordert, diese komplexe Interaktion bei der Behandlung betroffener Patientinnen zumindest zu reflektieren, um gegebenenfalls auch psychosoziale Hilfsangebote unterbreiten zu können.

•  Wie kann die psychologische Beratung helfen?

Wie kann psychologische Beratung bei Endometriose helfen?

 

Es ist wichtig, nicht zu übersehen, dass Krankheits- und Lebensgeschichte eng miteinander verbunden sind. Leidet eine Frau unter Endometriose, so beschränkt sich die Problematik nicht auf die schmerzhafte Regelblutung, sondern hat Einfluss auf ihr gesamtes Umfeld und ihre gesamte Lebenssituation.

Betrachtet man die Geschichte einer typischen Endometriosepatientin, so wird deutlich, dass es nicht nur die durch die Endometriose bedingten Beschwerden und die damit verbundenen Behandlungen sind, die sie in ihrer Lebensfreude beeinträchtigten, sondern dass es die daraus folgenden Lebensumstände sind, die den Frauen zuschaffen machen und sie immer weiter abrutschen lassen: sie verlieren aufgrund ihrer häufigen Krankenstände den Arbeitsplatz, die Ehe droht wegen dem gestörten Sexualleben und der Kinderlosigkeit auseinander zu brechen, sie verlieren den Kontakt zu ihren Freundinnen, denen sie mit ihren dauernden Krankheiten „auf die Nerven“ gehen. Schließlich verlieren die Frauen ihr Selbstvertrauen, werden unsicher, ziehen sich zurück und reagieren gekränkt auch auf die Menschen, die ihnen eigentlich helfen wollen. Da sie oft das Vertrauen in ihre Ärzte verlieren, wechseln sie häufig den Frauenarzt auf der Suche nach einer endgültigen Lösung. Ihre eventuelle Kinderlosigkeit setzen sie mit Nutzlosigkeit gleich, manchmal bis zur Depression.

Es hat sich gezeigt, dass Frauen, die sich in einer solch ausweglosen körperlichen und seelischen Situation befinden, ihren Teufelskreis unterbrechen müssen und eine Veränderung ihres Alltags benötigen. Der Beginn einer psychologischen Beratung kann hierzu ein geeigneter Schritt sein. Da kaum eine Endometriosepatientin eine andere mit gleicher Krankheit kennt, sind die Treffen der Selbsthilfegruppen zu unterstützen. Der Wunsch ist meist groß, Frauen zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. In der Selbsthilfegruppe lernen sich Frauen mit ähnlichen Lebens- und Krankengeschichten, die ebenfalls ihren Kinderwunsch nicht erfüllen konnten und ebenfalls Angst vor Hormonbehandlungen haben, kennen. Wichtig ist auch, in der Gruppe als „Normalfall“ und nicht als „Ausnahmefall“ eine neue Sichtweise der Krankheit zu erhalten. Gespräche unter Frauen und das Gefühl bekommen verstanden zu werden, sind gute Voraussetzungen um wieder gesund zu werden.

Es hat sich gezeigt, dass eine wichtige Voraussetzung für eine psychologische Beratung die Information über die Erkrankung, über den Zyklus, Hormontherapien, etc. ist. Nur wenn Art, Ursache und Folge der chronischen Erkrankung wirklich verstanden werden, sind die Frauen in der Lage und Willens, Eigenverantwortung in der Therapie zu übernehmen und von ihrem Mitbestimmungsrecht Gebrauch zu machen.

1.2.1 Lebenszufriedenheit stärken

Frauen empfinden im Zusammenhang mit Endometriose den Weg der Psychotherapie oder Beratung als hilfreich, um sich und ihre Lebenszufriedenheit zu stärken und sich in ihrem Körper wieder wohl zu fühlen. Manche Frauen sehen auch einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Endometriose und bestimmten Spannungen oder Problemen und möchten sich längerfristig umorientieren. Unterschiedliche psychologische Verfahren helfen, Stress und Spannung abzubauen.

1.2.2 Schmerzbewältigung

Schmerzbewältigungsprogramme haben zum Ziel, einen guten Lebensrhythmus zu finden. Die Beratung sollte hier aus einem umfassenden informativen Teil über das Schmerzgeschehen und Möglichkeiten psychologischer Schmerzkontrolle sowie dem Erlernen von Entspannungstechniken, einem Anti-Stress-Training und Methoden zur Veränderung der persönlichen Einstellung gegenüber dem Schmerz bestehen. Diese integrativen verhaltenstherapeutischen Konzepte haben sich als Gruppenprogramm im Umgang mit chronischen Schmerzen bewährt.

Die Anwendung psychosozialer Verfahren dient der Behandlung von Schmerzen in einem ganzheitlichen Ansatz. Der Schmerz wird zunächst als solcher erkannt, um ihn dann zu bekämpfen.

•  Sexuelle Probleme

Indem sich die Patientinnen ernst genommen fühlen, wächst die Sicherheit und steigt das Selbstwertgefühl. Dieser Effekt ist eine wichtige Voraussetzung für die Sexualtherapie, die in vielen Fällen erforderlich ist. Es wird zunächst unabhängig von der Krankheit über die Sexualität als komplexes Geschehen gesprochen, um später die krankheitsbedingten sexuellen Probleme besser verstehen zu können. Die Frauen können ermutigt werden mit ihrem Partner über mögliche andere Stellungen, die keine Schmerzen auslösen, zu sprechen. Diese neu gewonnene Kommunikation zwischen den Partnern kann für die Neuorientierung im partnerschaftlichen Zusammensein nützlich sein.

•  Unerfüllter Kinderwunsch und Weiblichkeit

Ein wichtiger Punkt ist der Umgang mit der endgültigen Kinderlosigkeit. Der Kinderwunsch verschwindet nicht einfach mit der Gebärmutterentfernung oder mit der Kenntnis darüber, dass die Eileiter verschlossen sind. Zusammen mit anderen Frauen gelingt es leichter, sich neu zu orientieren, sinnvolle Lebensalternativen zu suchen, aus der gesellschaftlichen Isolation herauszufinden. Manchmal entschließen sich auch Frauen, die noch nicht alle Möglichkeiten der Kinderwunschbehandlung ausgeschöpft haben, am Ende der Beratung bewusst und selbstbestimmt, nicht mehr schwanger werden zu wollen, Andere Frauen, die es noch einmal versuchen wollen, sollten genau informiert bzw. zu einem entsprechenden Facharzt überwiesen werden.

Viele der Frauen stellen ihre Weiblichkeit in Frage. Sie haben Aussagen von Ärzten in Erinnerung, die ihre Patientinnen oft als „in ihrer Weiblichkeit gestört“ bezeichnen. Wird dieser Punkt angesprochen, wird das Maß an Kränkung erkennbar, welches zu einer tief empfundenen Hilflosigkeit und Scham führte. Die Gespräche zielen darauf ab, den Weg zu zeigen, der aus diesem Gefühl heraus leitet.

•  Mögliche Ansätze in der Beratung von Endometriosepatientinnen

Verhaltenstherapie

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen dienen dabei der Neubewertung des Schmerzes, der häufig die ursprüngliche Intensitätsebene verlassen hat, ohne dass das schmerzauslösende Mittel an Intensität zugenommen hätte. Die Patientin lernt Ängste abzubauen und gewinnt wieder mehr Autonomie.

Meditative Techniken

Meditative Techniken und autogenes Training verringern sogar die Grundaktivität des symptomatischen Nervensystems und führen zu einer Entspannung der Skelettmuskulatur. Die Patientin ist dadurch in der Lage, sich in ein neues/altes Körpergefühl hinein zu versetzen.

Hypnotherapie

Der Einsatz von Einzel- und Gruppenhypnose verringert die Schmerzwahrnehmung. Das Erarbeiten eines „Ankers“ kann in der Schmerzsituation durch das bewusste Herbeiführen eines Trancezustandes akute Schmerzen lindern.

Klientenzentrierte Therapie

Klientenzentrierte Therapie bietet sich bei Patientinnen an, die bereits Einsicht in ihr Krankheitsbild gewonnen haben und den Umgang mit der Krankheit über die verbale Kommunikation verbessern möchten. Ziel dieses Ansatzes ist die Veränderung erlernter Prozesse z. B. im Umgang mit Stress.

Systemische und Familientherapie

In der Familientherapie können Probleme behandelt werden, die Beziehungen negativ beeinflussen. Konkrete Konflikte, die durch die Krankheit ausgelöst wurden, können besprochen und gemeinsame Lösungen gefunden werden. Auch eine alleinige Familienberatung kann schon ausreichen.

Methode „Wildwuchs“

Im Rahmen der Schmerzbewältigung haben Körperreisen mit Visualisierungsübungen einen entspannenden und angstlösenden Effekt. Die „Methode Wildwuchs“ – eigens für Endometriosepatientinnen entwickelt - versucht mit ihren Visualisierungen eine neue Sichtweise von Körper und Krankheit herzustellen, indem sie die Erkenntnisse der Forschung der Psycho-Neuro-Immunologie heranzieht. Die Erkenntnisse zeigen, dass zwischen psychischen Wirkfaktoren, wie Lebenseinstellung, Glaubensmuster, Gefühlen und körperlichen Prozessen ein Zusammenhang besteht.

•  Multimodales Therapiekonzept

Aufgrund des chronischen Charakters der Erkrankung und ihrer weitreichenden Auswirkungen zeigt sich ein multimodales Therapiekonzept als sinnvoll. Zum Einsatz kommen alternative Therapieformen, Selbsthilfegruppen, Rehabilitation und das Auffinden eigenständiger Lösungskonzepte, um ein „Leben mit der Krankheit“ zu ermöglichen.

 

 

 

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